Match im BYZANTINE CIRCULAR CHESS (Dr. René Gralla vs. Jürgen Woscidlo) am 14.12.2014 in Hamburg-Sinstorf, Germany
Schon im späten Oströmischen Reich (395 n. Chr. - 1453) mit seiner Hauptstadt Konstantinopel (hieß "Byzantion" bei den Griechen der Antike, ist dagegen in der Gegenwart als "Istanbul" bekannt) zockten Freizeitstrategen am Schachbrett, nach der Erfindung des Königlichen Spiels um 450 während der Gupta-Dynastie im Klassischen Zeitalter Indiens. Dass der Denksport vom heißen Subkontinent vier Jahrhunderte später auch im Nachfolgestaat des einstigen Imperium Romanum angekommen war, beweist ein Briefwechsel zwischen dem berühmten Kalifen Harun ar-Raschid (763 - 809) und Nikephoros I. (763 - 809), seines Zeichens damals Kaiser der Byzantiner: Die beiden Herrscher diskutierten über einen Tributvertrag und untermauerten ihre jeweiligen Argumentationsstränge mit Metaphern, die dem Schachjargon entlehnt waren.
Umtriebig wie die für Cleverness und Geschäftssinn berühmten Oströmer waren, dürften sie irgendwann im letzten Viertel des ersten nachchristlichen Millenniums eine revolutionäre Verbesserung des strategischen Spiels erfunden haben: die Projektion des quadratischen 64-Felder-Szenarios auf vier Kreisringe, um künftig auch im Rücken des Gegners manövrieren zu können, statt vorher bloß möglicher sturer Frontalangriffe. Schließlich findet sich ein früher Hinweis auf das besagte BYZANTINISCHE RUNDSCHACH bereits in einem Kompendium des arabischen Philosophen und Historiker Abu-al-Husayn al-Mas'vati (895-957).
Nach Eroberung des mittlerweile auf wenige Territorien geschrumpften Byzantinischen Reiches und erfolgreichem Sturm auf Konstantinopel durch den osmanischen Sultan Mehmed II. am 29. März 1453 verschanzte sich ein trotziger Haufen der Oströmer noch 22 weitere Jahre an der fernen Schwarzmeerküste, im Fürstentum Theodoro im Südwesten der Krim. Vermutlich haben Offizielle am Hof, Militärs und Geschäftsleute auch dort, auf dem einsamen Außenposten ihres untergegangenen Reiches, zur Ablenkung das spannende Rundschach gepflegt - bis Ende 1475 der Osmanische Großwesir Gedik Ahmed Pascha einmarschierte.
Zwar verschwand mit dem Fall des oströmischen Fürstentums Theodoro zunächst auch das speziell Byzantinische Schach im Dunkel der Geschichte - erlebte aber eine um so verrücktere Wiedergeburt ein halbes Jahrtausend später. Denn 1983 grub der englische Hobby-Historiker David Reynolds in einer lokalen Bibliothek einen verstaubten Wälzer aus und entdeckte darin auch einen Abschnitt über das Byzantinische Rundschach. Der Mann war sofort völlig aus dem Häuschen, bastelte ein erstes Set und startete einen Relaunch, und zwar sprachlich angepasst unter dem neuen Label "Circular Chess".
Seitdem lässt sich eine wachsende Fangemeinde rund um den Globus vom Geniestreich der alten Byzantiner inspirieren. Schon 15 (!) Weltmeisterschaften wurden in Lincoln / United Kingdom ausgetragen - und nun hat obendrein noch Norddeutschlands Mister "Multi-Kulti-Schach" den spannenden Briten-Export Marke Byzanz in sein Lehrprogramm aufgenommen (motiviert nach einem entsprechend sachdienlichen Hinweis, den ihm der Game-Journalist Dr. René Gralla zuvor gegeben hatte). Jürgen Woscidlo behandelte das BYZANTINE CIRCULAR CHESS 2015 in einem Kurs an der Integrativen Grundschule Grumbrechtstrasse in Hamburg-Heimfeld, und das schlug ein wie eine Bombe, die Kids waren total begeistert. Mittlerweile gehören acht Sets, eins davon aus der Werkstatt des Spielautors Dr. Gralla, zum Fundus der international ausgerichteten Lehranstalt. Im Frühsommer 2016 versammelten sich die Enthusiasten zur Turnierpremiere im BYZANTINE CIRCULAR CHESS anlässlich eines Stadtteilfestes, und für 2018 ist die zweite Auflage des Wettkampfes geplant.
NOW GOING STRONG AGAIN, these days in Northern Germany: the most amazing BYZANTINE CIRCULAR CHESS.
(Text: Dr. René Gralla und Jürgen Woscidlo)