Brunner/Ritz/Kunst turnen

Опубликовано: 31 Май 2026
на канале: Museum Ulm
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„Öffentliche Orte sind spannend, weil sie auf Veränderungen oder Zweckentfremdung überraschend reagieren. (…) Wir mögen diese kunstfremden Orte, sie sind vom Betrieb noch nicht verbraucht und noch im Besitz ihrer Geheimnisse.“ (Brunner/Ritz 2006)

Seit 30 Jahren erproben Johannes Brunner (*1963 in Pfullendorf) und Raimund Ritz (*1964 in Meckenbeuren) - der eine Bildhauer, der andere Musiker - das Crossover von Kunst und Musik, Film und Theater, Installation und Performance. Aus ihrer interdisziplinären Zusammenarbeit sind außergewöhnliche Projekte und ortspezifische Werke entstanden, mit denen die beiden in München ansässigen Künstler auf Besonderheiten von öffentlichen Räumen, unverwechselbare Ereignisse und architektonische Situationen reagieren.

Mit dem Berblinger-Turm haben Brunner/Ritz zum 250. Geburtstag des berühmten Schneiders von Ulm einen Publikumsmagnet und ein neues Wahrzeichen für die Stadt Ulm geschaffen. Der begehbare, 20 Meter hohe und um 10 Grad zur Donau geneigte Wendeltreppenturm erinnert an jene Stelle auf der Stadtmauer, an der Albrecht Ludwig Berblinger (1770-1829) 1811 mit seinem Flugversuch über die Donau scheiterte. Die Errichtung des Berblinger-Turms bietet den Anlass für eine Retrospektive im Museum Ulm, die erstmals die ganze Bandbreite des künstlerischen Schaffens von Brunner/Ritz präsentiert: von frühen SkulpturMusik-Werken, kurzen Videos und Klangstücken über Musiktheater-Inszenierungen und kinetische Objekte bis hin zu Wettbewerbsmodellen, neuen audiovisuellen Arbeiten und interaktiven Rauminstallationen, die eigens für die Ausstellung entstanden sind. Tennisbälle lösen musikalische Ereignisse aus. Eine Limousine verwandelt sich in einen funkelnden Kristall. Ein Stadtmodell wird zur Bühne für einen literarischen Miniatur-Rundgang. Und eine raumgreifende Installation aus 40 Turnringen im Lichthof des Museums Ulm lädt zur aktiven Benutzung und Körperertüchtigung ein.

Zur Austragung bringen Brunner/Ritz ihre akustisch-darstellerischen Inszenierungen und Objekt-Interventionen vorzugsweise an öffentlichen Orten, die sie nach ihren musikalischen, skulpturalen und erzählerischen Qualitäten auswählen. Einen Getränkemarkt haben sie als Konzertraum zur Darbietung ihrer gleichnamigen Skulpturmusik aus acht Spielern und 500 Flaschenkisten genutzt. Anlässlich der Vernissage im Museum Ulm wird die opulente Klang- und Geräusch-Performance von 1992 wiederaufgeführt. Darüber hinaus findet am 24. und 26. März 2022 um 19 Uhr die Aufführung der digitalen Messe Heiliger Lärm (missa tempestatis) im Ulmer Münster statt, womit ein bedeutender Kirchenraum der ausdrucksstarken achtkanaligen Komposition für Donner, Regen, Gesang und Wort in fünf Sprachen einen außergewöhnlichen Rahmen verleiht.

Brunner/Ritz spüren Orte im öffentlichen Raum auf, an denen sie durch den Einsatz von skulpturalen und multisensorischen Elementen für eine neue Wahrnehmung unbeachteter Alltagserfahrungen sensibilisieren. 2008 setzten sie dem glückversprechenden Konsum mit einer blattvergoldeten Himmelsleiter ein Denkmal, das aus einem Duisburger Shoppingcenter 56 Meter hoch gen Himmel ragt. 2002 verwandelten sie mit einer 45 Meter langen parabelförmigen Rutschbahn für die TU München eine mathematische Funktion in einen sinnlich-körperlich erfahrbaren Ort der Bewegung.

Mit ihrer Ausstellung "Kunst turnen" haben sie den Gedanken des Museums als Ort sinnlicher Erfahrungen aufgegriefen, der dem Alltag enthoben ist, neue Eindrücke erzeugen und Kunst als Erlebnis begreifen lernen soll.