Ergänzende Materialien zur Vorlesung finden Sie unter: http://www.philologievonunten.de
Vorsicht! Texte und Bilder der heutigen Vorlesung könnten die Gemüter sensibler Naturen erschüttern. Die Pornographie des geschundenen Körpers ist nicht jedermanns Sache. Aber wozu diese Grausamkeit? Müssen wir es so genau wissen? Wir müssen! Wenn wir, z.B., verstehen wollen, wie die Kraft der 'compassio(n)', des Mitleidens, zwar nicht Berge versetzt, aber doch Ströme – aus Tränen! – entspringen läßt.
Die Figur des Marsyas gibt der gelehrten Erklärung bis heute Rätsel auf. Es ist nachvollziehbar, daß, wie Herodot berichtet, die Bewohner des phrygischen Kelainaí an der Quelle des Katarrhaktes-Stroms die Haut des gefolterten Satyrn aufgehängt hatten, aber wozu in aller Welt stand auf dem 'Forum Romanum' zwischen dem 'Tribunal praetoris' und den 'Rostra Augusti' eine Statue des Marsyas?
Die Philologie bewegt sich gern in diesen Zonen, wo der Sinn der Zeichen scheinbar außer Kontrolle gerät. Nicht weil sie glaubt, sie könne dann den Sinn stiften, nach dem das sprachlos staunende Publikum verlangt, sondern weil sie sich berufen fühlt, diesem Staunen eine Sprache zu geben, die nah an der Sprache der Texte ist. Und so wie die Maler den Schrei des Gemarterten in Form und Farbe übersetzten, erkennt die Philologie im ‚Quid me mihi detrahis?‘ des Marsyas („Was ziehst Du mich von mir selber ab?“) den Riß, der jeden Versuch, den ultimativen Schmerz in Philosophie zu übersetzen („me“ statt „cutem“), auf seine plane Oberfläche, die Haut oder – widerständiger – den „Balg“, zurückwirft. Der Schmerz des Marsyas ist nicht mehr referentialisierbar. Seine Haut aber erinnert daran, daß Aufklärung, Freiheit und die Segnungen eines lichthellen Humanismus einen barbarischen Kern enthalten. Wir können ihm nicht entkommen. Besser als ihn zu verbannen, ist es, ihn sichtbar zu halten, vielleicht sogar als eine ‚condicio sine qua non‘ der phrygisch-griechisch-römischen Kultur und jeder Kultur, die aus ihr erwuchs.
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