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Es ist schon ein bißchen verrückt, daß der vielleicht bekannteste Mythos der Ovidischen 'Metamorphosen' gar nicht von einer Verwandlung erzählt. Es müßte denn sein, man läse den tolldreisten Versuch des Orpheus, Eurydice aus dem Reich der Schatten zurück in die Oberwelt zu führen, als Rückverwandlung einer Toten ins Lebendige. Am Anfang des 10. Buches geht’s ans Eingemachte. Jetzt greift die Erzählung die ganz großen Menschheitsfragen an. Irgendwo zwischen der 'katábasis' der Homerischen Odyssee und dem 'descensus ad inferos' des apostolischen und athanasischen Glaubensbekenntnisses plaziert Ovid seine Version der Überwindung der Grenze(n) des Todes: durch Kunst! Kunst macht es möglich, daß die Unterwelt für die Dauer eines Liedes stillsteht und staunt ob der Größe (oder der Kühnheit) der Dichtung.
Anders als der Homerische Held und der auferstandene Christus scheitert der Ovidische Orpheus. Er, der alles vermochte, vermag es nicht, die Gesetze des Hades zu lesen. Die „katabatischen Ordnungen“ (Th. Emmrich) bleiben ihm fremd. Aus seiner Trauer erwachsen freilich neue Formen der Kultur und - neue Lieder. Sie handeln vom menschlichen Begehren an der Schwelle zur Revolte gegen die scheinbar natürlichen Grenzen des Geschlechts (Homoerotik), der Gattung (Objektophilie), der familiären Ordnung (Inzest). Die Dichtung des Orpheus ist schwarz. Aber die Schwärze verrät schon die Signatur einer modernen Welt, die in diesen Liedern den Architext ihres kulturellen Selbstverständnisses erkennen wird.
Wenn auch Eurydice ins Dunkel des Hades zurück entgleitet, führt ihr trauriges Schicksal doch zahlreiche Gattungen der europäischen Kunst und Musik in ungeahnte Höhen. Monteverdi, Gluck und Offenbach, Dürer und Brueghel, von Stuck und De Chirico, Marcel Camus und Jean Cocteau zeigen, was möglich ist. Sie alle, WIR ALLE sind Kinder des Orpheus.
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