Peter Bichsels Kurzgeschichte „Die Tochter“ (1964) ist ein stilles, aber eindringliches Porträt über die wachsende Distanz zwischen den Generationen – erzählt aus der Perspektive eines Elternpaars, das jeden Abend auf seine Tochter wartet, die in der Stadt arbeitet.
Die Eltern bewundern ihre Tochter: ihre Fremdsprachenkenntnisse, ihr Aussehen, ihre Musik, ihre Weltläufigkeit. Doch gleichzeitig spüren sie, dass sie ihr fremd geworden ist. In Gedanken versuchen sie, sich ihr Leben vorzustellen – wie sie im Tearoom sitzt, wie sie mit Freundinnen plaudert, wie sie lächelt. Doch diese Vorstellungen bleiben vage, fast klischeehaft. Die Tochter selbst bleibt sprachlos, antwortet kaum, wenn sie gefragt wird. Der Kontakt ist äußerlich noch da – innerlich aber längst brüchig.
Die Geschichte lebt von ihrer reduzierten Sprache, den Leerstellen und der stillen Melancholie. Sie zeigt, wie sich Eltern an Routinen klammern, um Nähe zu bewahren, die längst verloren geht. Und wie schwer es ist, loszulassen, wenn man nicht versteht, was man verliert.
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Toc...
Sprecher: Wolfgang Arns